So was kommt von so was

Ursprüngliche Gründe

Teil 1: Wo und was wäre ich, wenn …

Und genau heute frage ich mich, wo und was wäre ich heute, wenn mein italienischer Vater (Jahrgang 1928) in der Zeit des 2. Weltkriegs in Deutschland schlecht behandelt worden wäre. Mein Vater war Musiker und spielte Akkordeon. Schon in der Jugend verdiente er sein Geld mit der Musik und so kam es, dass er Anfang der 1940er Jahre in Deutschland aufschlug. Er tingelte als Vierzehnjähriger in Deutschland überall dort rum, wo es etwas mit der Unterhaltungsmusik zu verdienen gab. So landete er unter anderem in einem Gefangenenlager der Deutschen irgendwo in Bayern, um dort die Offiziere und Wachsoldaten mit seiner Musik zu unterhalten.

Ich will diese Geschichte nicht unbedingt politisch beleuchten; vielmehr möchte ich die Lebenssituation meines Vaters zu jener Zeit in Deutschland für den eigentlichen Anfangsgrund meines eigenen Lebens als Deutscher in Deutschland beschreiben. Zu jener Zeit ging es meinem Vater um einiges besser als so manch anderem kleinen Italiener. In dem besagten Gefangenenlager hatte er ein warmes Zimmer, viel und gut zu essen, und die deutschen Soldaten verehrten seine Musikkunst. Er bekam Geschenke, Trinkgeld und Anerkennung.

Nun, es hätte auch ganz anders kommen können: Wäre Mussolini zu dieser Zeit nicht Verbündeter der Deutschen gewesen, so wäre mein Vater vielleicht auch in dieses deutsche Lager gekommen, allerdings nicht als Liebling der Soldaten sondern womöglich selbst als Gefangener und unter großem Leid. Aber das alles ist nur die Vorgeschichte…

Mein Vater ging dann irgendwann zurück in seine Heimat Italien und hatte dann größere Musik-Engagements mit einem Orchester in vielen europäischen Ländern -  und nach dem Krieg unter anderem auch wieder in Deutschland. Inzwischen lernte er als Dreiundzwanzigjähriger auf einer Tournee in der Schweiz eine österreichische Show-Tänzerin - eben meine Mutter - kennen und lieben. Sie heirateten und landeten irgendwann wieder in Deutschland und… blieben.

Meine Eltern blieben also in Deutschland, weil mein Vater für sich sehr gute Erinnerungen daran hatte. Ja, und genau das ist der Grund warum ich nicht Italiener, Österreicher, Franzose, Belgier oder Schwede bin. Ich bin deutscher Europäer, und das ist auch gut so. Denn: Hier habe ich meine Frau, also meine große Liebe kennengelernt. Hier hatte ich eine lustige Schulzeit, eine illustre Jugend, ich habe einen "ordentlichen" Beruf, und ich habe keine Zukunftsängste. Zukunftsängste? Nun, da denke ich schon mal an die Mit-Europäer in Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien.

Wenn also bei mir alles anders gekommen wäre, würde ich dann vielleicht heute in Italien oder Frankreich auch tingelnder Musiker, vielleicht Koch oder Gemüseverkäufer? Würde ich dann anstatt Danke Grazie oder Merci sagen? Hätte ich dann eine glückliche Ehe?  

Wie auch immer, so was kommt von so was…

12.8.13 05:12, kommentieren

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